In vielen Diskussionen rund um die aktuellen Themen „Moderne Führungskraft“, „Führung“ oder „Gesund Führen“ rückt die Bedeutung von „Wertschätzung“ immer mehr in den Mittelpunkt. Vielen Diskussionsteilnehmern ist dabei die Kontroverse zwischen Loben und Lob verspüren im Gedächtnis. Ein Teilnehmer sagte dazu, dass ein Lob für ihn natürlich sehr positiv sei. Er habe jedoch das Gefühl, viele Führungskräfte würden sich mit Lob im Zusammenhang mit Führung schwer tun, weil es etwas Emotionales ist. Aus seiner Sicht brauche er nicht unbedingt ein Lob. Für ihn sei es in erster Linie wichtig, dass er überhaupt das Gefühlt vermittelt bekomme, die Führungskraft höre ihm tatsächlich zu. Zuhören sei die Basis für Führung.

Auf die Frage, wie man dieses „tatsächlich zuhören“ zum Ausdruck bringen könnte, reagierte einer der Teilnehmer wie aus der Pistole geschossen mit zwei Worten: „aktives Zuhören“. Ihm war dieses Thema aus einem Programm zum Thema Führung bekannt. Er erhielt vielfaches Nicken aus der Runde. Auf meine Frage, was das denn genau sei und aus welchem Grund dieses „aktive Zuhören“ so förderlich sei, erhielt ich die Antwort: „Ja, nicken halt und Fragen stellen“. Mehr nicht. Aus meiner Sicht ist es Zeit, das Thema genauer zu beleuchten.

Aktives Zuhören öffnet Ihren Mitarbeiter für Dialog und Ideen

Vielen Männern wird der nachfolgende Satz bekannt vorkommen: „Schatz, hörst du mir zu?“ Schämen Sie sich, wenn Sie Ihrer Frau in diesem Moment wirklich nicht zuhören sollten. Mindestens genauso schade ist es, wenn Sie wirklich zugehört haben. Dann sind Sie nämlich einer von den guten Männern und ihre Frau hat es noch nicht einmal bemerkt. Machen Sie Ihrer Frau keinen Vorwurf. Sie selbst haben es verbockt. Gleiches gitl für Sie in der Führung Ihrer Mitarbeiter.

Mit aktivem Zuhören können Sie auch dem ungeübtesten Gesprächspartner signalisieren, dass Sie ihm zuhören. Horchen Sie einmal in sich hinein. Was macht dieses Gefühl, dass sich jemand für Sie und Ihre Ausführungen interessiert, bei Ihnen? Die einen sprechen von einem guten Gefühl oder Wertschätzung. Andere sagen, dass sie Vertrauen fassen oder einfach Spaß haben, noch mehr zu erzählen. Und genau diese Effekte sollten Sie in der Führung Ihrer Mitarbeiter nutzen. Menschen, denen Sie zuhören, fühlen sich gut. Dabei neigen diese Menschen dazu noch mehr zu erzählen und auch tiefergehende Informationen preiszugeben. Eben weil sie Ihnen vertrauen. Dieses Vertrauen bewirkt im nächsten Schritt, dass die Menschen Ihnen als Führungskraft mehr glauben und auch offener für Ihre Ideen sind. Und das nur, weil Sie die Person anschauen, ab und zu nicken und vielleicht auch mal ein „Aha“ oder „guter Punkt“ über Ihre Lippen kommt. Wenig Aufwand mit einer phantastischen Wirkung.

Ihnen stehen dazu im Wesentlichen zehn Aspekte zur Verfügung. Fünf nonverbale und fünf verbale Aspekte. Sie brauchen nicht alle Aspekte zu beherrschen. Testen Sie, welche dieser Aspekte zu Ihnen passen und mit denen Sie authentisch sind.  Und Authentizität ist wichtig in der Führung von Mitarbeitern.

Nonverbale Aspekte aktiven Zuhörens

Ihr Zuhören kann Ihr Gegenüber sehen, indem Sie Blickkontakt halten, sich der Person bewusst zuwenden, nicken oder den Kopf schütteln und sich Notizen machen. Ihr Gesprächspartner wird auch unbewusst registrieren, wenn Sie ihn körpersprachlich spiegeln. Sie fahren viel mit der Bahn? Spiegeln Sie doch einfach das nächste Mal in einem Abteil Ihr Gegenüber. Wundern Sie sich nicht, wenn die Person das Gespräch mit Ihnen sucht. Sie sind einfach sympathisch und haben lediglich durch das Spiegeln den Gesprächsimpuls ausgelöst.

Verbale Aspekte des aktiven Zuhörens

Mit dem Begriff Zuhören verbinden viele Menschen Geräusche oder Töne. Daher ist es naheliegend, das aktive Zuhören durch verbale Aspekte zu verdeutlichen. Ausgehend von Bestätigungslauten, gerne auch als „huldvolles Grunzen“ bezeichnet, haben Sie die Möglichkeit, einzelne Informationen mit Ihren eigenen Worten zu wiederholen; also zu paraphrasieren. Eine umfangreichere Wiederholung ist dann die Zusammenfassung. Mehr Aktivität bringen Sie mit dem Stellen von Fragen ins Spiel. Letztendlich haben Sie auch auf der verbalen Ebene die Möglichkeit des Spiegelns (Wortwahl, Geschwindigkeit, Lautstärke etc.).

Die Kombination macht es kraftvoll

Bestätigungslaute ohne nonverbale Untermauerung kann man machen, sie wirken aber befremdlich. Ein Nicken ohne eine verbale Komponente ist mindestens genau so seltsam. Aber testen Sie es ruhig selbst. Wählen Sie einen nonverbalen Aspekt aus obiger Liste und unterdrücken Sie jede verbale Komponente. Es fehlt einfach etwas. Und dennoch gibt es Sie: die stillen Nicker, die Personen, die umfangreiche Notizen erstellen, aber nicht ein Wort dabei verlieren, oder Fragensteller ohne Blickkontakt. Wenn wir schon fünf Sinne haben, dann nutzen Sie so viele davon wie nur möglich. Daher: Kombinieren Sie verbale und nonverbale Aspekte des aktiven Zuhörens. Ihr Zuhören ist damit viel kraftvoller.

Paracelsus hatte Recht – Die Dosis macht das Gift, auch beim aktiven Zuhören

Wir haben Sie gerade gebeten, möglichst viel Engagement beim aktiven Zuhören zu zeigen. Aber Vorsicht. Sie können auch des Guten zu viel tun. Es gilt: Nutzen Sie jede Komponente für sich in Maßen. Übertrieben Sie nicht. Nicken Sie nicht so heftig, dass Sie am Ende ein Schleudertrauma haben und eine Nackenstütze brauchen. Ein „Ja“ zur Bestätigung ist super. Ein „Ja, ja, ja, ja, ja“ klingt mechanisch und so als sei die Person gedanklich nicht wirklich bei Ihnen. Blickkontakt empfinden Menschen im mitteleuropäischen Raum als angenehm. Zu viel davon, dann sind Sie beim Starren und dann ist es wider unangenehm. Also achten Sie auf die Dosis.

Aktives Zuhören bewirkt auch in Ihrem Körper eine Veränderung

So sehr Sie mit aktivem Zuhören etwas bei Ihrem Gesprächspartner bewirken können, so sehr bewirken Sie auch etwas bei Ihnen selbst. Tatsächlich gibt es medizinische Studien, dass Sie selbst beim aktiven Zuhören über eine viel höhere Informationsaufnahmerate verfügen. Ihr Gegenüber redet also nicht nur mehr. Sie registrieren alle seinen Informationen besser. Das sind dann oft die kleinen Informationen am Rande, die es Ihnen im späteren Gesprächsverlauf viel leichter machen. Und das einfach nur durch ein bisschen Nicken und ein kurze „interessant“. Wenig Input mit großer Wirkung.

Jetzt liegt es an Ihnen, sich selbst auszutesten. Versuchen Sie es doch direkt heute Abend im Gespräch mit Ihrer Frau oder auf dem nächsten Fest beim Small Talk. Ihr Gegenüber wird wahrscheinlich so gerne mit ihnen sprechen, dass Sie sich gar keine Gedanken machen müssen, welchen konkreten Beitrag Sie zum Small Talk beisteuern könnten. Also viel Spaß beim Nicken und „huldvollem Grunzen“.

 

 

 

Dr. Frank Przybylski

Dr. Frank Przybylski

CEO | Ghost Negotiator | Speaker bei DVAK Deutsche Vertriebs Akademie GmbH
Dr. Frank Przybylski