Sie haben sich sicher schon selbst über die eine oder andere Respektlosigkeit Ihrer Zuhörer geärgert oder hatten das Gefühl, dass Ihnen Ihre Zuhörer entgleiten. Sei es in einer Präsentation vor einer Gruppe, in der Moderation eines Meetings oder an anderer Stelle, bei der Sie in einer exponierten Position waren. Was tun, wenn Menschen einschlafen, andere mit dem Handy spielen, miteinander quatschen oder Sie merken, da möchte jemand Sie bloßstellen?

Reagieren oder Tolerieren

Müssen Sie derartige Verhaltensweisen überhaupt thematisieren? Fühlen Sie in solchen Situationen in sich hinein. Manche Vortragende sagen, dass Ihnen ein derartiges Verhalten egal ist. In Großgruppen wird es immer jemanden geben, der mit dem Handy spielt etc. Aber in Kleingruppen, in einem Meeting, bei einem Vortrag vor vielleicht 30 Personen? Stört dieses Verhalten Sie dabei? Irritiert es Sie? Bringt es Sie aus dem Konzept? Ärgern Sie sich? Dann ist es in Ihrem Interesse, etwas zu tun. Aber Vorsicht.

Sie sind immer der Buhmann

Wenn Sie exponiert vor einer Gruppe agieren, nehmen Sie eine Sonderposition ein. Jedes Verhalten und jedes Wort steht auf dem Prüfstand. Besonders dann, wenn es nur die kleinste Störung auf der Beziehungsebene zwischen Ihnen und jemandem aus der Zuhörerschaft gibt. Andere Teilnehmer nehmen diese Schwingungen wahr. So wenig Menschen Gutes weiterleiten, so sehr neigen Sie dazu, Schlechtes oder Auffälliges mit anderen zu teilen. Sollte also jemand mitbekommen, dass Sie mit einem Teilnehmer etwas „druckvoller“ umgehen, teilt dieser Beobachter gerne seine Wahrnehmung oder Interpretation der Situation. Was dann passiert, gleicht einem Rudel. Mehr und mehr sympathisiert die Gruppe miteinander. Es kommt im äußersten zum Showdown: Die Gruppe gegen Sie. Dieses Sympathisieren unterbleibt nur dann, wenn der involvierte Teilnehmer selbst grundlegende Werte verletzt hat. Ansonsten geht die aufkeimende Diskussion zu Ihren Lasten. Daher lautet die Devise: Nie Sie alleine gegen die Gruppe. Und dennoch müssen Sie Themen, die Sie stören, schnellstmöglich thematisieren.

Störungen haben Vorrang

Der Satz „Das stört mich eigentlich nicht“, heißt: Es tut es doch. Irgendwie. Sobald Ihnen etwas in einer Gruppe auffällt, dann nur, weil es Sie stört. Es würde Ihnen sonst gar nicht auffallen. Und egal, was es im Einzelfall ist, es bindet einen Teil Ihrer Ressourcen. Mehr oder weniger. Sie verlieren die Chance, Ihr Bestes zu geben. Damit ist es Zeit einzuschreiten.

In einem Workshop sagte einmal ein Teilnehmer: „Das würde ich gar nicht thematisieren. Das stört mich nicht“. Wenn dem so ist, OK. Wenn es Sie wirklich nicht stört, dann werden Sie es auch gar nicht bemerken und müssen es demnach auch nicht ansprechen. Merken Sie es, müssen Sie in Ihrem Interesse handeln. Ihre Zuhörer erwarten dies sogar unterbewusst von Ihnen, denn Sie erwarten von Ihnen die bestmögliche Leistung.

Störer haben viele Gesichter

Vielleicht fragen Sie sich gerade, was sind solche Störer? Im Zeitalter moderner Medien haben wir da schon mal die Handy-Benutzer und die Laptop-Fraktion. Die Personen, die zu spät kommen und dann auch noch jeden Teilnehmer reihum per Handschlag begrüßen. Teilnehmer, die rein und raus laufen, miteinander quatschen, zu allem etwas zu sagen haben, vom Thema abschweifen, Desinteresse zeigen oder gar schlafen. Dann gibt es noch den Clown, der immer einen lustigen oder vielleicht sarkastischen Spruch zu Ihren Themen hat. Besonderer Beliebtheit bei Vortragenden erfreut sich der Zuhörer, bei dem Sie förmlich spüren, wie er Ihnen ein Fettnäpfchen hinschiebt und hofft, dass Sie hineintreten. Schließlich noch Zuhörer, die Sie persönlichen angehen. Wahrscheinlich habe ich den ein oder anderen vergessen. Denken Sie selbst einmal an Ihre letzten Situationen vor einer Gruppe.

Sie merken, die Variationen der Störer sind vielfältig. Für jede Art des Störers ein fertiges Rezept zu verwenden, ist schwierig. Machen Sie es sich leichter. Kombinieren Sie einige wenige Instrumente. Dann brauchen Sie kein Rezeptbuch auswendig zu lernen.

Sieben einfache Tricks, um Störer zu behandeln

„Ich kann mir doch nicht zu jedem merken, wie ich vorzugehen habe“. Stimmt. Sie brauchen keine „Wenn A, dann B“ Verknüpfung für den einzelnen Störer. Merken Sie sich sieben einfache Prinzipien, die Sie situativ kombinieren können.

  1. Blickkontakt vermeiden oder suchen
    Jemand kann zu jedem Ihrer Themen etwas sagen und verzögert die Veranstaltung? Wertschätzen Sie sein Wissen oder seine Fragen und reduzieren Sie den Blickkontakt zu der Person. Stellen Sie sich eventuell anders hin, um den Blickkontakt zu minimieren. Dieser Typus fühlt sich bereits durch den Blickkontakt aufgefordert, etwas zu sagen. Benutzt jemand Handy oder Laptop oder reden zwei Personen miteinander, suchen Sie Blickkontakt zu den unmittelbaren Sitznachbarn und leiten Sie den Blick zu den relevanten Personen. Der Sitznachbar wird dann die Person(en) aufmerksam machen. Diskutieren zwei Personen miteinander, gehen Sie erst einmal von Ihrer eigenen inneren Einstellung davon aus, dass dies fachlich bedingt ist. In diesem Fall können Sie mit einer Rückkopplung arbeiten (s.u.).
  2. Organisatorische oder rhetorische Pause
    Teilnehmer reden miteinander? Legen Sie eine längere Sprechpause ein und suchen Sie Blickkontakt zu deren Sitznachbarn. Jemand schreibt auf dem Handy? Sprechpause und gehen Sie ein oder zwei Schritte auf die Person zu. Sie wird Sie unbewusst bemerken und hochschauen. Signalisieren Sie kurz durch eine Geste: Handy aus. Unruhe oder jemand unterlässt ein bestimmtes Verhalten nicht, obwohl Sie es bereits angesprochen haben? Organisatorische Pause und sprechen Sie die Person in der Pause auf das wiederkehrende Fehlverhalten an, z.B. mittels gewaltloser Kommunikation. Zeigen Sie ggfs. Konsequenzen auf, die Sie dann allerdings auch konsequent ziehen müssen, wenn das Fehlverhalten erneut auftritt.
  3. Direkte Frage
    Verhält sich jemand passiv, sprechen Sie ihn direkt an. Natürlich so, dass Sie die Person nicht bloßstellen. Denken Sie an die Rudelbildung. Es gilt also eine Frage zu stellen, die jeder beantworten kann, z.B. „Wie ist Ihre Meinung dazu?“ Am besten fragen Sie in einer solchen Situation immer noch eine weitere Person. Das entschärft die Situation. Sie stehen vor einer Gruppe mit einer U-Bestuhlung? Gewöhnen Sie sich an, bei jeder Frage eine Person auf der rechten und eine Person auf der linken Seite des U’s zu befragen. So wird niemand bloßgestellt.
  4. Rückkopplung                                                                                                                                                                                                                                                                                         Rückkopplungen beziehen sich auf die Gruppe, niemals auf eine einzelne Person. Sie spiegeln wider, was Sie gerade in der Gruppe wahrnehmen, z.B. Unruhe oder eine Diskussion, und bieten Hilfe an. „Ich sehe, hier wird noch heftig diskutiert. Welche Informationen kann ich Ihnen noch geben? Wo besteht noch Gesprächsbedarf?“ oder „Ich nehme eine Unruhe im Raum wahr? Was kann ich von meiner Seite zur Beruhigung beisteuern? Wo gibt es noch Klärungsbedarf oder brauchen Sie eine Pause?“
  1. Konkretisierung
    Sie haben einen Vielredner in der Gruppe oder jemand in der Gruppe neigt dazu, vom Thema abzuschweifen? Suchen Sie die erste Chance einer Sprechpause bei ihm. Bitten Sie darum, den konkreten Themenbezug herzustellen oder, im Falle eines Vielredners, fassen Sie kurz zusammen und gehen Sie dann weiter im Thema.
  2. Versachlichung
    Jemand greift Sie verbal an? Machen Sie deutlich, dass Sie ausschließlich auf Basis Ihrer fachlichen Kompetenz beurteilt werden wollen oder verweisen Sie darauf, dass Sie das Sachargument vermissen und im Rahmen einer wertschätzenden Kommunikation ausschließlich auf der Sachebene diskutieren möchten. Fällt es Ihnen schwer, derartige Bedürfnisse zu formulieren, machen Sie sich mit dem Prinzip der gewaltfreien Kommunikation vertraut.
  3. Ableiten in die Gruppe
    Sie wissen etwas nicht oder Sie haben das Gefühl, jemand möchte Sie vorführen oder ein Fettnäpfchen hinstellen? Nutzen Sie die Gruppe für sich. Geben Sie die Frage in die Grupe weiter: „Was denken Sie darüber? Wie ist Ihre Meinung dazu?“ Die Gruppe erledigt dann die Arbeit für Sie und der andere steht dann gegebenenfalls alleine gegen die Gruppe. Außerdem verschafft es Ihnen Zeit, um selbst ein Statement vorzubereiten.

Und was ist mit Schlagfertigkeit?

Schlagfertigkeit ist ein unter Trainern und Vortragenden sehr kontrovers diskutiertes Thema. Oft bemerken Teilnehmer sofort, dass das Verb „schlagen“ in Schlagfertigkeit enthalten ist. Und tatsächlich bin auch ich, nach vielen Erlebnissen bei meinen Coachées, der Meinung, dass Schlagfertigkeit, im Zusammenhang mit Störern, ungeeignet ist. Zu oft geht Schlagfertigkeit zu weit und es entwickelt sich ein Wettkampf, der sich immer weiter zuspitzt.

Ihr Mikrophon fällt aus oder das Licht geht ungeplant aus. Dann ist Schlagfertigkeit eine tolle Möglichkeit für Sie, die Situation zu retten. Aber in einer solchen Situation ist eben keine andere Person involviert.

Ihre Herausforderungen liegen im Mut und im Üben

Der Umgang mit Störern erfordert von Ihnen als aller erstes den Mut, die Störung anzusprechen. Das ist oft die größte Hürde im Prozess. Achten Sie aber einfach bei den nächsten Vorträgen darauf, wie andere damit umgehen. Natürlich wird ein Redner vor 5000 Menschen nicht reagieren, wenn einer der Zuhörer eine Email auf dem Handy schreibt. Es geht immer um kleine Gruppen, bei denen derartige Störungen auch von der Gruppe wahrgenommen werden.

Die zweite Herausforderung ist das Üben. Ihnen fehlt schlichtweg eine echte Übungssituation. Keine Simulation, kein Rollenspiel, kein Seminarschauspieler wird an die echte Situation heranreichen. Unsere Empfehlung ist, besuchen Sie Vorträge, die inhaltlich weniger wichtig für Sie sind und achten Sie statt auf die Inhalte auf die Störungen und vollziehen Sie gedanklich nach, wann und wie Sie selbst als Redner handeln würden. Einer meiner Coachées hat nur zu diesem Zwecke wochenlang Vorträge der regionalen IHK besucht. Er hat immer wieder abgeglichen, was er als Störung empfinden würde, wann er einschreiten würde und wie er es machen würde.

Wenn Sie also bei Ihren nächsten Vorträgen konsequenter mit Störungen umgehen, werden Sie im Nachgang sicher viele anerkennende Worte ernten. Ein weiterer Nebeneffekt ist, dass gerade bei internen Meetings die Störungen drastisch abnehmen. Es spricht sich rum, dass man mit Ihnen keine Spielchen spielen kann. Also…

… viel Spaß beim „Entstören“.

Dr. Frank Przybylski

CEO | Ghost Negotiator | Speaker bei DVAK Deutsche Vertriebs Akademie GmbH
Dr. Frank Przybylski